Das Bild – eine Anthologie

21 Autorinnen und Autoren schreiben insgesamt 24 “Geschichten” über ihre Beziehung zu einem ganz besonderen Bild, einer Skulptur, einer Performance oder auch ein Mode-Design. Es wurden kurze und längere Geschichten, eindrucksvolle Gedanken, beklagende Erinnerungen, philosophisch anmutende Gedankengänge, Offenlegungen von Schmerz und Zweifel – oder auch “nur” das tief Hineintauchen in ein Bild. Wir nehmen teil an der Entstehung eines Kunstwerkes, aber auch an dessen Scheitern.  

Hedi Glock & Ernst-Otto Sommerer (Hrsg.),

Das Bild – eine Anthologie
Taschenbuch, 204 S. * 12,00 Euro *  Oktober 2019 versehen mit s/w-Bildern   

Mein Beitrag :

Das Bild meiner Heimat
 von Peter Bösken

Das Bild ( Prolog )


Ein Bild – egal wie banal – hat immer einen Inhalt, egal wie oberflächlich es sein mag. Als Betrachtende wissen wir nicht, ob der Maler sich das, was wir denken, auch gedacht hat. Daher bin ich geneigt zu sagen, dass wir davon sprechen, was „das Bild uns mitteilt“ anstatt zu sagen, was „der Maler uns sagen möchte“.
Der Inhalt eines Bewerbungsfotos ist klar einsehbar: Dieser nette Mensch möchte gerne bei uns arbeiten. Was der ausführende Fotograf sich dabei gedacht hat ist unerheblich. Anders ist es bei dem folgenden Bild :

Auf den ersten Blick ist es nur eine Straße. Auf den zweiten Blick kann man sich aber fragen, wohin die Straße führt. Ins Nichts? Er verschwindet zwischen den Bäumen. Heißt das, unser aller Weg führt zurück in die Natur? Das Bild spricht förmlich von allein, ohne den Maler und zu jeder Zeit. Es hat sich von seinem Autor emanzipiert. Oder um Paul Watzlawick zu bemühen: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“

Das Bild meiner Heimat
Ein Bild meiner Heimat zu zeichnen, zu beschreiben, ist das möglich?Ist es möglich, Heimat in einem Bild zu erfassen? In ein Bildnis zu sperren? Welches Bild würde meine Heimat wohl beheimaten können?
Ein Ölgemälde, das die Heimat in bunten Farbschichten manifestiert? Ein Foto, das einen Moment festhält wie eine echte Erinnerung? Oder wäre ein Bild meiner Heimat vielmehr wie der Blick in ein Kaleidoskop? Veränderlich, aber aus den gleichen Bestandteilen zusammengestellt? In einem veränderlichen Prozess befindlich, der sich mit jeder Sekunde, jeder Minute, jedem Moment vergehender Zeit an neue Gegebenheiten anpasst?
Ein Bild von Heimat, selbst wenn sie örtlich unveränderlich wäre, wird dennoch kaum dasselbe bleiben.
Die Zeit dreht sich weiter, die Blumen blühen, die Blätter fallen und jeder Stein, jedes Gebäude, jedes Lebewesen im Bildnis tut es ihnen gleich.
So frage ich mich, wie soll es gehen, ein Bild von Heimat zu erdenken, das statisch an einen Rahmen, ein Blatt Papier oder einen Ort gebunden ist? Wenn es möglich ist, so mag ich es lernen.

Noch kann ich es nicht. Wie mache ich es nun, ich will es versuchen und Heimat beschreiben, ein Bild für euren Geist zeichnen. Ein Bild von Epochen, verschiedenster Orte, ein Bild von Veränderung und Gefühlen, von Menschen und Zeiten.
Ach, was mache ich nur? Wie rezipieren wir heute Bilder? Was bleibt uns von ihnen überhaupt noch in Erinnerung? Und welches Bild ist eine Erinnerung wert?
Es wird wohl kein Bild, gleichwohl aber ein Bildnis in vielen Bildern, das im Gesamten der Heimat einen Rahmen verleiht, in dem sie gleich einem Kaleidoskop aus gleichen Teilen veränderlich bleibt.

Ein Ausschnitt aus meiner Kindheit
Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, welches Bild auf Sie in Ihrer Kindheit einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, welches Bild für Sie irgendwie Heimat bedeutet? Zunächst sind mir, wie sicherlich vielen Menschen, die Bilder in den Sinn gekommen, die eben diese zeigen. Die Heimat. In meinem Fall sähe man auf diesem Bild ein Einfamilienhaus an einer viel befahrenen Straße. Im Untergeschoss eine hübsche Konditorei und links und rechts davon weitere Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser, die in Weiß- und Beigetönen ein harmonisches Bild abgeben. Dieses Bild, egal wie oft ich es mir vorstelle, es löst einfach diese erwünschten Heimatgefühle nicht aus. Aber es gibt ein Bild, das mir dieses Gefühl vermittelt. Es ist ein, wie meine Oma sagt, “alter Schinken”. Ein Ölgemälde in einem goldenen, ausladenden Rahmen. Es zeigt einen kleinen Wasserfall am Waldrand. Wenn ich an dieses Bild denke, dann fühle ich Wärme und Geborgenheit, dann muss ich unweigerlich lächeln und an die Tage denken, an denen ich viel Zeit unter diesem Bild verbracht habe.

Es hing in meiner frühen Kindheit im Wohnzimmer meiner Großeltern, direkt über dem Verkaufsraum der Konditorei. Darunter stand ein braunes Sofa, so eines, bei dem man die Kissen herausnehmen kann, um daraus kleine Burgen und Höhlen zu bauen, sich darin vergraben und zu verschwinden, wenn man als Kind seine Ruhe haben möchte.
Ich habe an diesem Ort verrückte Dinge erlebt, nur auf dem Sofa unter dem Bild.
Einmal hat es vor den Fenstern des Einfamilienhauses zwischen den anderen Einfamilien- und Mehrfamilienhäusern in Strömen geregnet. Die dicken Regentropfen wurden vom Wind gegen die Fenster geschleudert und bildeten dicke Flatschen, die langsam herunterliefen. Es prasselte gleichförmig.
Kennen Sie dieses Prasseln? Draußen ist es düster und das Geräusch zeugt von echt fiesem Wetter vor der Tür, aber drinnen ist es gemütlich, warm und ein angenehmes Licht scheint?
So war es auch an diesem Tag, und ich habe mich auf das Sofa gelegt, die Kissen um mich herum aufgebaut wie ein Fort, in das niemand hereinkommt. Nur ich ganz alleine war noch da.
Es regnete Hunde und Katzen vor der Tür, aber auf meine Nase schien die Sonne.
Der goldene Rahmen des Bildes glänzte im Licht der Wohnzimmerlampe und verlieh dem Bild etwas Magisches. Ich stellte mir vor, ganz darin zu verschwinden. Vor mir breitete sich die Landschaft aus, als ob ich selbst an diesem kleinen Wasserfall säße, direkt an seinem Ufer. Das Prasseln am Fenster wurde zum Rauschen des Wasserfalls, der laut, aber beruhigend Stunde um Stunde Wasser in den kleinen Bach einspeist und wild an meinen Füßen vorbeifließt. Ab und an spritzt das Wasser hoch und hinterlässt kleine Tropfen auf dem Gras am Ufer. Wenn man lange genug auf das fließende Wasser schaut, kann man manchmal kleine grünlich schillernde Fische erkennen, die knapp unter der Wasseroberfläche entlang gleiten. Die kleinen Wellen glitzern im Sonnenschein, der durch die Blätter der Bäume scheint und meine Haare und meinen Rücken wärmt. Es fühlt sich gut an. Wenn man ganz leise ist und keinen Mucks von sich gibt, genau dann hat man sogar die Chance, ein Reh am Waldrand zu erblicken, wenn es scheu seine Nase zwischen den Ästen hindurchschiebt. Oder man sitzt einfach da und genießt das Rauschen des Wassers.
Genau an diesem Ort in meinen Gedanken, auf einer Wiese sitzend und den Wasserfall beobachtend, auf dem Sofa unter dem “alten Schinken” habe ich einige Tage mitten im Regen bei strahlendem Sonnenschein verbracht.
Und wenn ich heute manchmal bei meiner Oma sitze und das Bild an der Wand hängen sehe, dann bin ich wieder 4 Jahre alt und spüre dieses Gefühl, das ich Heimat nenne.

 

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